Theater eines lebenswegs

Als halbwilder Schizophreniker mit aufgerissenen Augen im "Marat" und im "Meister und Margarita" 'oder als im höchsten Grade leidenschaftlicher und verzagter Intellektueller Dmitrij in "Die Brüder Karamasow" — das alles ist die Gestalten des Schauspielers des "Theaters an der Taganka", Alexander Zurkan. Wer sein Spiel einmal auf der Bühne erlebt hat, dem wird klar, warum die "Moscow News" den Namen von Alexander im November 1999 in die Liste der zehn besten Schauspieler Moskaus eintrugen und warum er zu "den Allround-Schauspielern des 21. Jahrhunderts" rechnen soll.

Zurkan spielt nicht, er lebt auf der Bühne. Hier verausgabt er sich seelisch und körperlich. Der Künstler verfügt nicht nur über die Eigenschaft der Verwandlung. Er kann mit dem Partner kommunizieren, singen, Instrumente spielen, höchst komplizierte gymnastische Einlagen machen, die Tschetschjotka, einen russischen Tanz mit häufigem Aufstampfen, tanzen und dramatische Monologe vortragen, dass den Zuschauern "die Haare zu Berge stehen". Am Ende seines Lieblingsstücks "Die Reise nach Petuschki" streift der Schauspieler sein T-Shirt ab und ringt es aus. Schweißtropfen rinnen über die stäubige Bühne, und aus dem Zuschauersaal übergießt ihn der Applaus Welle für Welle. Davon verfarben sich seine durchdringend flauen Augen bodenlos dunkel. Ist das der Zustand des Nirwana?

Doch der Schauspieler konnte das kaum ohne den Regisseur Valentin Ryschij erreichen, der dieses Ein-Mann-Stück im Kulturzentrum "W.S. Wyssozkij" nach dem gleichnamigen Werk von Benjamin Jerofejew speziell für Alexander inszenierte. Und auch nicht ohne den Musiker Sergej Letow, der durch eigene Jazz-Kompositionen, die Musik des Komponisten Nemirowitsch-Dantschenko und Fragmente von Schostakowitsch den Takt des ohnehin sehr dynamischen Schauspiels angab.

Die Arbeit dieser Truppe übt auf den Zuschauer die gleiche Wirkung aus, wie auf Wenitschka, die Hauptperson der "Reise", die "Träne der Komsomolzin"1 — die Realität verwandelt sich, und dem Zuschauer im Saal scheint es bereits, dass er anstelle von Wenitschka uber die Tische krabbelt, auf Händen läuft und von irgenwo da oben, auf der Spitze des Berges aus Tischen, mit dem imaginären Zweig des Geißblattes winkt.

Wenn diese Kunst den Zuschauer zwingt, sich zusammen mit dem Schauspieler zu verwandeln, dann ist es schwer zu glauben, dass der vierzigjährige Alexander Zurkan erst relativ spät — vor zehn Jahren — in die Schtschukin-Theaterhochschule eintrat. Damals war er Meister des Sports und Absolvent der Technischen Hochschule, der fünf Jahre bei Krasnojarsk in einem Luftwaffengeschwader gearbeitet hatte.

Im Rampenlicht hat sich diese Erfahrung nicht verloren, sondem in die verschiedensten Bühnenbeispiele verwandelt. Unverändert blieb nur eines — das Verhältnis des Menschen Alexander Zurkan zu den Werten des Lebens. Obwohl er in einer Gemeinschaftswohnung lebt, versohnt sich der Schauspieler mit der Diskrepanz zwischen der geistigen und der materiellen Seite seines Lebens. Denn Gott hat ihm Größeres gegeben — seine Arbeit, die ihm Befriedigung und Verehrung sich selbst gegenüber bringt, aber auch die unerschöpfliche Energie, die er mit den Zuschauern, seinen Verwandten und Freunden teilt.


1. Zum Mixen des Cocktails "Träne einer Komsomolzin" nehme man — nach Überzeugung von Wenitschka — 15 g Lotion "Lavendel", 15 g Haarwaschmittel "Werbena", 150 g Kölnisch Wasser "Waldwasser", 2 g Nagellack, 150 g Zahn-Elixier und 150 g Limonade; die erhaltene Mischung rühre man 20 Minuten mit einem Stengel Geißblatt um.



Автор: Nadeschda Tschistjakowa

Источник: "Moskauer Deutsche Zeitung", № 15 (37), August 2000
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